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Review: Thimbleweed Park

Man kann es als eine kleine Revolution in der Videospielbranche bezeichnen, als 2012 das Crowdfunding-Prinzip für Videospiele abhob und schon bald kein Kuriosum mehr war. Durch auf Plattformen wie Kickstarter eingenommene Spendenbeträge, ist es als Indie Publisher nun möglich, absolut unabhängige Ideen einem breiteren Publikum bereitzustellen. Spiele wie Journey begeisterten Spieler weltweit und öffneten neue Wege für Fans und Macher abseits des Massengeschmacks. Doch auch Retro-Fans profitierten von dieser Wende und werden nun mit langersehnten Fortsetzungen wie Shenmue 3 belohnt, erleben Revivals von Spielen, die manchmal in der Erwartung zurückbleiben (Mighty No. 9), oder fast vergessener Genres wie den Point and Click Adventure Games.

Holt man jetzt noch ein hoch motiviertes Entwicklerteam, gegründet von den Schöpfern längst vergangener Klassiker wie Monkey Island und Maniac Mansion mit an Bord, dürfte ein Leckerbissen ins Haus stehen, was eindeutig der Fall ist. Ron Gilbert und Gary Winnick zeigen mit Thimbleweed Park nicht perfekt, aber sehr nah dran, dass Adventures noch immer das Potential haben zurückzukommen und wieso sich Crowdfunding bezahlt macht.

Was Terrible Toybox nach über zwei Jahren seit dem Start der Kickstarter Kampagne nun veröffentlicht hat, ist gleichsam ein Liebesbrief für Fans als auch ein schönes Sammelsurium 80er Jahre Pop- und Videospielkultur. Agent Reyes und Agent Rays ermitteln einen Mord im fiktiven Thimbleweed Park. Schnell stellt sich heraus, dass die Lösung des Falls, nur als Vorwand dient um ihre eigenen Interessen aufzudecken.

Durch den erfrischenden Erzählstil, werden die Befragungen der Bewohner zu spielbaren Erinnerungen, deren Protagonisten wiederum schon bald in eurem Charakter-Repertoire anzutreffen sind. Wirklich gebunden an der Interaktion der kontrollierbaren Figuren ist das Spiel dann jedoch nicht. Unterhaltungen untereinander sind nicht möglich, lediglich das Tauschen von Objekten wird euch hier gestattet. An dieser Stelle hätte man nachbessern können und ein vielleicht nicht ganz ‚retrokonformes‘ System nutzen sollen. Dies wird Puristen, die genau sowas von einem Revival erwarten, jedoch keineswegs stören. Wer den Pixellook von Indiespielen nicht schon satt hat, kann sich auf ein paar schöne Stunden freuen. Das Design ist exzellent auf den Humor angepasst und liefert ab.

Während die 80er Jahre Attitüden gleich voll ‚self-aware‘ als auch lobsingend umfangen werden, bietet sich dem Spieler ein Erlebnis, das näher an perfekter Replikation für Retro Spiele nicht sein könnte. Auch das inzwischen verstaubte Bedieninterface der SCUMM Engine, welche auf den wichtigsten Verben wie Öffnen, Nehmen, Ziehen etc. aufbaut, findet seinen Weg zurück. Auf die Implementierung eines einfacheren Interfaces, vordergründig eingesetzt in den späteren LucasArts Spielen wie The Curse of Monkey Island oder Grim Fandango, wurde bewusst verzichtet. Dies resultiert merklich in einem gesamtheitlich höheren Schwierigkeitsgrad. Durch die daraus hervorgehenden Optionen Gegenstände zu benutzen, bietet das Spiel nicht nur vervielfacht großartige Lacher aus den schrägen Möglichkeiten, sondern regt den Spieler zusätzlich an, abstraktere Denkprozesse anzuwenden.

Thimbleweed Park mag nicht für jeden ein guter Einstieg in die Welt der Point and Click Adventures sein. Die Referenzen auf Klassiker des Genres können auf Dauer Überhand gewinnen und das Gefühl eines Outsiders in einem Insider-Joke vermitteln (‚Hello, I’m selling these fine leather jackets‘). Wer sich daran jedoch nicht stört, dem steht ein bisweilen anspruchsvolles Spielerlebnis ins Haus.

Die fantastische (englische) Sprachausgabe des Spiels und die kultige, wenn auch (gewollt) nicht sehr akkurate Übersetzung von Boris Schneider-Johne, welcher bereits in der Vergangenheit LucasArts-Adventures loklisiert hat, runden das Erlebnis jedoch großartig ab und machen Thimbleweed Park zu einem Vorzeigeprojekt für Crowdfunding Projekte. 

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